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Auto mobil – eine Zeitreise

Prof. Dr. Bodo Kluxen / September 2017

Wieviel Technik, Elektronik und Datenspeicher steckt in einem modernen Auto? Ist das Auto der Zukunft ein autonom fahrender Hochleistungscomputer auf vier Rädern? Entwickelt es sich zum austauschbaren Gebrauchsgegenstand?

Die Entwicklungen sind allgegenwärtig. Täglich erscheinen neue Berichte über Innovationen. Doch schon längst hat das Autofahren die technischen Dimensionen verlassen und muß sich in ökologischen, psychologischen, gar moralischen Welten behaupten. Welche Einflüsse hat das Auto auf den Fahrer, die Umwelt und die Gesellschaft, und wie geht es in den kommenden Jahren weiter? Die Ethikommissionen, die Sachverhalte mit Fragenstellungen für selbstfahrende Autos untersuchten, sind weit mehr als der TÜV in der alten Welt.

Zunächst war da ein reines Fortbewegungsmittel mit einem Motor, ganz puristisch und sonst nichts. Es ist nicht mehr als 130 Jahre her, als die vier Räder mit Chassis per Kurbel starteten. Eines der ersten batteriebetriebenen Bauteile an Bord, der Scheibenwischer, kam etliche Jahre später und ist heute bereits im Museum zu bestaunen.

Heute haben viele Fahrzeuge bereits eine zweite Batterie oder ein ganzes Stromnetz an Bord, um den gestiegenen Verbrauch der vielen elektronischen Helfer überhaupt versorgen zu können. Annehmlichkeiten sind eine Selbstverständlichkeit: Sitze, Lenkrad und Fenster elektrisch betrieben, Monitore an alle Sitzen verwöhnen Fahrer und Beifahrer mit Informationen und Unterhaltung. Bequemlichkeit ist jedoch nur eine Seite des technischen Fortschritts. Genauso wichtig ist der Unsicherheitsfaktor Mensch, der durch technisch gestützte System möglichst weitgehend ausgeglichen werden soll. Seit vielen Jahren rechtfertigen die Hersteller mit diesem Argument Preise und steigende Kosten. Zahlreiche Sicherheitssysteme, die ständig miteinander kommunizieren, sind als Standard in modernen Fahrzeugen integriert. Einfache Elektronik reicht hier nicht mehr aus. Steuergeräte kommunizieren untereinander über CAN-Bus-Systeme, die offene Schnittstellen und eine perfekte Einbindung neuer Features garantieren. Auf der anderen Seite birgt dies aber auch Gefahren. Neben der Komplexität der digitalen Instrumente zeigt sich noch eine andere Verletzlichkeit: Funk- oder Internet-Angriffe auf stehende oder auch fahrende Autos. Das zeigt Vor- und Nachteile der Digitalisierung gleichermaßen auf: Unfall-Statistiken verbessern sich, auf der anderen Seite stehen Hacker-Bedrohungen auf ganze Flotten oder Länder und eine ganz besondere Form des gläsernen Menschen.

Die Werbung zeigt es täglich: Spur-und Bremsassistenten, Notfallprogramme, sprechende und mitdenkende Navigationssysteme und viele andere modernen Unterstützungsprogramme automatisieren das Fahren. All das basiert auf zwei Grundlagen: Datenbeschaffung über Sensoren oder Internet-Dienste und anschließend eine schnelle Datenverarbeitung mittels bordeigener Systeme oder in modernen CLOUD-Systemen.

Moderne Fahrzeuge der neusten Generation haben selbstverständlich eine vollständige Telefonintegration, Navigationssysteme der neusten Generation mit interaktiven Verkehrsinformationen und permanenter lernender Verkehrsführung; Entertainment und Multimedia-Systeme sind auf dem neusten Stand, und häufig ist der Sound besser als bei High-End Home Hi-Fi-Systemen. Es gibt zahlreiche Assistenzsysteme, unterteilt in entlastende Systeme (teilautonome Systeme) für den Fahrer wie z. B. Cruise Control bei Audi, ferngesteuertes Parken bei BMW oder Spurhalteassistenten kombiniert mit Geschwindigkeitsregelanlagen bei vielen anderen Herstellern. Assistenzsysteme zur Erhöhung der Sicherheit im Straßenverkehr wie Fußgänger und Kollisionswarn-Systeme, Spurwechselassistenten oder sonstige Fahrerassistenten-Systeme sollen den Autofahrer entlasten und das Unfallrisiko vermindern. Kommunikations-und Navigationssysteme an Bord helfen, selbständig Parklücken zu finden, anschließend allein einzuparken. Es gibt sogar Fahrzeuge die bis Tempo 160 völlig selbstständig fahren, überholen und sich in Standartverkehrssituationen eigenständig zurechtfinden. Systeme der neusten Generation verfügen darüber hinaus über Möglichkeiten, mit anderen Fahrzeugen zu kommunizieren. Begriffe wie „Schwarmintelligenz“ machen die Runde: Selbständig fahrende Autos mit gleichen Zielen finden sich zusammen und fahren mit kleinen Abstand und windoptimiert hunderte Kilometer hintereinander, ohne jemals zu kollidieren.

Auf der anderen Seite entwickeln Software- und App-Hersteller Anwendungen, die Fahrzeuge zu fahrenden Datensammlern machen, zu mobilen Devices umfunktionieren, so daß Mobilität nur noch ein Randprodukt ist. Fahrzeugversuche von Google sind bekannt und immer wieder finden sich Hinweise auf streng geheime Fahrzeugversuche von Apple und anderen Technologierführern. Was sind die Konsequenzen, wenn ein Apple Auto mit anderen Fahrzeugen, mobilen Computern und der Cloud miteinander kommunizieren? Die Mega-Citys in allen Teilen der Welt träumen vom Segen dieser Entwicklungen: weniger Staus, weniger Abgase, optimierter Verkehr, Ampeln kommunizieren mit Fahrzeugen. Und was heißt das für die Fahrzeugbesitzer? Es geht um Begriffe wie Usability bzw. Benutzerfreundlichkeit, es geht um Kosten, und es geht darum, ob bei einem Herstellerwechsel ein Betriebs-und Bedienungssystem kompatibel ist oder der Nutzer immer wieder neu lernen muss.

In mittelbarer Zukunft sollen Computer bereits die Steuer unserer Autos übernehmen. Bereits heute testen viele Unternehmen in Kalifornien selbstfahrende Fahrzeuge. Auch Apple, das neben Google vorn mit dabei ist, weiß nach umfangreicher Analyse, welche Möglichkeiten dieser Markt einmal bieten wird. Begriffe wie „connected car“ stehen im Raum, doch wer weiß eigentlich genau, was dahinter steckt, welchen Nutzen uns das bringt, und was wir dafür zahlen müssen. Audi ist kürzlich mit dem Begriff car-2-x-Schwarmdienste in den Markt gestartet. Hier werden in Echtzeit Gefahren- und Verkehrszeicheninformationen verarbeitet und in die Routenplanung der Fahrer eingebettet. Das Ganze funktioniert bereits vor der Fahrt mit der passenden Smartphone App. Hier ist bisher das Datenvolumen der Mobilfunknetze ein limitierender Faktor gewesen. Mit zunehmenden Ausbau von LTE Netzen und immer schnelleren Standards dürfte sich dieses Problem jedoch schon bald erledigt haben. Bereits heute arbeiten die Mobilfunkanbieter am G5 Standard. Diese Technik wird das Thema noch einmal beschleunigen. Mein Partner, das Auto, erkennt hierbei an einer Bewegung meine Wünsche und setzt diese zeitgleich in entsprechende Handlungen um. Die Herausforderung ist heute nicht mehr das computergestützte Fahren, sondern vielmehr, die vielen Ausnahmesituationen im Straßenverkehr in den Griff zu bekommen. In dieser Hinsicht ist Google heute am weitesten fortgeschritten, deren Systeme die meisten Situationen ohne Problem erkennen.

Was bringt die nächste Stufe in dieser Entwicklung und welche Auswirkungen hat das auf uns alle in unsere Mobilität und alle anderen Lebensbereiche? Brauchen wir alle noch ein eigenes Fahrzeug oder nehmen wir bei Bedarf Pool-Fahrzeuge der Car-Sharing-Economy oder Taxidienste wie UBER oder Fahrgemeinschaftsanbieter in Anspruch? Weit vorn in dieser Entwicklung ist Tesla. Dieses versetzt Fahrzeuge in die Lage, komplett autonom unterwegs zu sein. Das ist bereits die Grundlage für ein zukünftiges Geschäftsmodel von Taxidienstleistern wie UBER. Das Geld wird dann dort verdient, die alten Hersteller aus der Automobilbranche werden zu Zulieferern und Herstellern, wenn sie bei dieser Entwicklung nicht mitmachen.

Die schnelle Markteroberung von Tesla scheint bezeichnend: Im Umfeld der Luxus-Limousinen Mercedes S-Klasse, Audi A8 und BMW 7er hat sich Tesla mit dem Model S im Jahr 2017 bereits mehr als 50% Marktanteil erobert. Das hat zwei Aspekte: Ein Technologiekonzern hat es in wenigen Jahren geschafft, auf Höhe von Automobilherstellern mit mehr als 100 Jahren Tradition und Erfahrung aufzurücken und auf der anderen Seite diese Entwicklung mit sehr viel Geld massiv weiter voranzutreiben. Die gesamte Szene ist im Umbruch, die Tech-Unternehmen verschaffen sich in der Politik Gehör. Gerade wurde von Elon Musk das Model Y angekündigt und Preise von unter 20.000 US-Dollar avisiert, bei einem Motor- und Reichweitenversprechen, an das sich die eingesessenen Hersteller bei aller Mühe nicht einmal mit Prognosen hinwagen. Umgekehrt scheint es sehr viel schwieriger zu sein: Da verkünden die Konzerne Daimler, BMW und Audi massive Investitionen in die IT und die Forschung, laufen aber der Entwicklung bereits heute um einige Jahre hinterher. Schaut man sich die Börsenwerte von Tesla oder Google an, erkennt man schnell, das diese mehr als zehnmal so viel wert sind wie die der meisten klassischen Automobilhersteller zusammen.

Autonome Autos werden unfraglich die Branche beherrschen. Die großen Hersteller müssen sich anstrengen, um in Zukunft an diesem Spiel teilzuhaben, aus dem sich viele Fragen erheben: Wie wachsen heutige Jugendliche auf? Reicht es in Zukunft, ein Fahrzeug teilweise zu besitzen oder nur leihweise zu buchen? Werden Robotertaxen oder Dronen, die aus der Cloud oder per Computer gesteuert werden, den Markt für private und öffentliche Transporte komplett übernehmen? Wer hat Herstellerpräferenzen, wenn einem die Fahrzeuge nicht mehr selber gehören? Und welche Rolle spielen in Zukunft Regierungen dabei, wer löst Versicherungsfragen und insbesondere ethisch-moralische Problemfelder?

Am Ende geht es aber wohl allein um die Erhebung, Auswertung und Weiternutzung aller Daten, die bei den verschiedenen Konzepten der Zukunft entstehen. Jeder Mensch hinterlässt Spuren, digitale Abdrücke, mehr noch: ein ganzes Profil. Datenauswerter können diese dann vielfältig nutzen und auch weiterverkaufen, hier lockt ein Milliardenmarkt. Im ersten Schritt geht es nur um die Optimierung von Routen und Verkehrsstromlenkung. Es wird volkswirtschaftliche Kosten senken, die Umwelt schonen und die Unfallzahlen sichtbar senken. Danach folgt dann in einem zweiten Schritt die Auswertung der Daten zur Bereitstellung (und Verkauf) an Unternehmen. Diese können dann abgestimmt auf den einzelnen Fahrer Werbung optimieren, Angebote formulieren und auf den einzelnen abgestimmte mobile und andere Dienste zu Verfügung stellen. Ganze Industrien werden sich am Ende dieser Kette bilden und ein darauf resultierendes Geschäftsmodell aufbauen. Dieses bewegt sich heute noch teilweise außerhalb unserer bekannten Denkmuster, wird jedoch bereits in naher Zukunft Realität sein. Viele Fragen sind heute ungelöst. Aber eines ist sicher - klassische Automobilhersteller leben gefährlich, wenn sie sich der Situation nicht stellen.